2026-03-06T00:00:00+01:00
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Stolperschwelle in Erinnerung an Deportationen aus der Landesheilanstalt Stralsund, Foto: Annemarie Franke

Psychiatrie in Pommern – Krankenmorde im Nationalsozialismus

Vortrag, Gespräch und Gedenken

Eintritt frei – ermöglicht durch die Universitäts- und Hansestadt Greifswald

Im Nationalsozialismus waren Menschen in psychischen Ausnahmesituationen und mit psychischen oder physischen Erkrankungen von struktureller Verfolgung betroffen. Die Gewalttaten gegen sie wurden immer radikaler. Im pommerschen Provinzialverband fanden Zwangssterilisationen, Deportationen und Tötungen statt. Zu diesem Verband gehörten psychiatrische Anstalten in Ueckermünde, Stralsund, Lauenburg (Lębork), Treptow an der Rega (Trzebiatów) und Meseritz-Obrawalde (Międzyrzecz). Einer der Hauptverantwortlichen war der Gauleiter von Pommern, Franz Schwede-Coburg, der die Deportation von Patient*innen unmittelbar nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs anordnete. Zu den ersten Opfern zählten 1400 psychisch kranke und geistig beeinträchtigte Menschen. In den Wäldern bei Piasnitz (Piaśnica) wurden sie im Herbst und Winter 1939 ermordet. Schätzungsweise 20.000 psychisch kranke Menschen in pommerschen Anstalten sollten in den Jahren 1940 bis 1945 ein ähnliches Schicksal erfahren.

In einer breit angelegten Studie geht Dr. Kathleen Haack der Entwicklung der Psychiatrie in Ueckermünde und Pommern nach. In ihrem Buch sucht sie nach individuellen Spuren und erinnert an das Leid der Vergessenen. Zugleich wird die Bedeutung regionaler Akteure als ausführende Glieder im NS-Gesamtsystem und zugleich autonom Handelnde bei der Durchsetzung der Gesundheits- und Rassenpolitik herausgearbeitet.

Frau Haack geht auch dem Lebensweg von Walter Nordheim nach. Er kam aus Wuppertal-Barmen, war von Beruf Maler und Anstreicher, hatte Familie und nach einem Unfall Epilepsie. Walter Nordheim wurde 1943 nach Ueckermünde verlegt und dort vermutlich durch Verwahrlosung ermordet.

Über die Aufarbeitung, Recherchen und Erinnerungen an ihren Großvater Walter Nordheim spricht Birgitt Rambalski aus Bremen. Wir kommen mit ihr und Kathleen Haack ins Gespräch über die wissenschaftlichen und persönlichen Perspektiven auf die Erinnerung an die medizinischen Gewaltverbrechen im Nationalsozialismus.

In Gedenken an die Opfer der nationalsozialistischen Krankenmorde erklingen zum Abschluss des Abends Stücke von Luise Greger. Die Lieder singt Mechthild Kornow mit einer Begleitung am Klavier.

Dr. Kathleen Haack ist Medizinhistorikerin und wissenschaftliche Mitarbeiterin am Arbeitsbereich Geschichte der Medizin der Universitätsmedizin Rostock. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen in der Psychiatriegeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts, insbesondere in der Zeit des Nationalsozialismus sowie der DDR. Sie ist im Wissenschaftlichen Beirat der Erinnerungs-, Bildungs- und Begegnungsstätte Alt Rehse e. V.

Birgitt Rambalski begann nach dem unbekannten und viel zu früh verstorbenen Großvater zu suchen. Die Recherchen waren schwierig und langwierig. Sie schaffte es, den Lebens- und Leidensweg von Walter Nordheim nachzuvollziehen und für ihn einen Gedenkstein auf dem verlassenen Friedhof der ehemaligen Heilanstalt neben dem Gelände des heutigen AMEOS-Klinikums in Ueckermünde zu errichten.

In Kooperation mit der Kulturreferentin für Pommern und Ostbrandenburg, der Gleichstellungsbeauftragten der Universitäts- und Hansestadt Greifswald, dem Institut für Ethik und Geschichte der Medizin der Universität Greifswald und der Gesellschaft für pommersche Geschichte, Altertumskunde und Kunst.

Künstlerische und internationale Perspektiven auf die Gewalt in Piasnitz finden sich auch in einem Projekt des Kulturreferats für Pommern und Ostbrandenburg „In Between? Image and memory”.

Zur Publikation

Kathleen Haack: Vom ‚Anstaltsboom‘ zum NS-Krankenmord – Psychiatrie in Ueckermünde und Pommern im 19. und 20. Jahrhundert, Köln 2025.

Zur Publikation auf der Seite des Verlags Vandenhoeck & Ruprecht

 

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